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Ein modernes Märchen Die verlorene Seele
Da klopfte es an die Türe und ohne eine Aufforderung abzuwarten, kam ein salopp gekleideter Herr herein. Ohne sich vorzustellen und lange herum zu reden, sagte er: „Ich kann dir helfen. Du wirst reich sein, dann kannst du dir alles kaufen, was du willst!" Alex blickte den Fremden erstaunt an. „Du gibst mir deine Seele, mehr will ich nicht." Alex dachte, dies sei wohl ein Scherz. Der Fremde ging ein paar Schritte auf ihn zu. Er humpelte seltsam, sein linkes Auge hing etwas herunter. Das geschenkte Geld „Meine Seele willst du haben?", fragte Alex verwundert, „was ist das, die Seele?" „Siehst du!" meinte der Fremde triumphierend. „Wenn du nicht einmal weißt, was die Seele ist, dann kannst du sie doch auch eintauschen für ein bequemes Leben. Gib mir deine Hand darauf, mehr braucht es nicht!" Der Fremde streckte seine dünne Hand aus. Alex zögerte. „Worauf wartest du noch?", drängte der Fremde. „Schlag ein und der Handel ist perfekt!" ‚Vielleicht ist das ein Verrückter!', dachte Alex. Die Situation wurde ihm unangenehm. Wenn nur dieser eigenartige Mensch wieder ginge. ‚Am schnellsten werde ich ihn wohl los, wenn ich einschlage und ihn weiterschicke' dachte Alex weiter. Kurz entschlossen schlug er in die hingehaltene Hand ein. „Gut, der Handel ist beschlossen," sagte der Fremde sachlich. Er griff in die Tasche, holte ein Geldstück heraus und warf es auf den Tisch. „Spiel Lotto! Beeile dich, das Glück hat dich schon heimgesucht!" Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verschwand. Was für ein seltsamer Tag. Da lag die Münze auf dem Tisch. Die Geschäfte würden bald schließen, was sollte er tun? ‚Was soll's!, dachte Alex, ‚ich versuch mein Glück!' und er rannte zur Lotterie-Annahme. Er hatte Susi noch nichts davon erzählt, er wollte sich nicht lächerlich machen, wenn nichts passierte. Ein paar Tage später kam dann der Brief. Alex riss ihn hektisch auf und starte auf das Papier: „Gewonnen! Susi, ich habe gewonnen! Das ist der Hauptgewinn! Wir sind reich!" Er tanzte um den Tisch und hielt den Brief wie eine Trophäe in die Höhe. Doch nicht nur das, alles was Alex von nun an unternahm, gelang ihm. Das Geld wurde immer mehr, fast wie von selbst. Sie lebten nun in einem luxuriösen Haus, hatten zwei teure Autos, einen großen Pool im parkähnlichen Garten. Nun sollte man meinen, dass sie beide recht glücklich und zufrieden waren. Doch dem war nicht so. Ihr Leben wurde flach und hektisch. Sie taumelten von einem Vergnügen zum anderen. Doch Alex schien dies kaum zu bemerken. Susi jedoch dachte immer öfters daran, wie schön es früher doch gewesen war, obwohl sie so arm waren. Sie dachte darüber nach, was wohl die Ursache all dieser Veränderungen sein könnte. Mit Alex konnte sie kaum noch vernünftig reden. Er redete nur noch von den neuesten Automodellen und von Partys. Kaum kamen sie vom Urlaub zurück, plante er schon einen neuen Urlaub. Susis Liebe wurde auf eine harte Probe gestellt. Eines Tages redeten sie über ihren Reichtum, der damals so unerwartet mit dem Lottogewinn gekommen war. Susi hörte jetzt zum ersten Mal von dem geheimnisvollen Fremden. Sie meinte, sie hätte so ein ungutes Gefühl, irgend etwas wäre merkwürdig. Alex schaute sie fragend an: „Du wirst doch nicht glauben, dass der Fremde von damals tatsächlich der Teufel war?" Susi fragte ihn erstaunt: „Was für ein Fremder?" Da erzählte Alex lachend von dem Fremden, der von ihm die Seele gefordert hatte und ihm den Reichtum dafür versprochen hatte. Susi hörte schweigend zu und wurde immer trauriger. Tränen liefen ihr die Wangen herunter. Alex hatte seine Seele gegen Geld getauscht. Schlimmer noch, er fühlte nicht einmal mehr, das ihm etwas fehlte. Susi zweifelte, dass weder sie selbst, noch ihr Alex, den sie doch immer noch von Herzen liebte, jemals wieder so glücklich sein könnten wie früher. Ein visionärer Traum In dieser Nacht hatte sie einen Traum: Sie ging eine staubige Straße entlang, an deren Ende eine alte Villa stand. Vor einer langen Marmortreppe stand ein Mann in einem schwarzen Anzug, der beim Gehen seltsam hinkte. Um ihn herum sprang dienstbeflissen das Personal. Als er Susi sah, lachte er und hielt etwas triumphierend in der Hand. Susi fasste sich ein Herz und fragte, was denn das sei, das er da in der Hand halte. Der Fremde lachte höhnisch, blickte sie eiskalt an und sprach leise mit knarrender Stimme: „Das ist die Seele deines Mannes." Sie fragte ihn, was er damit wolle. „Haben! Haben! Haben! Verstehst du, dummes Menschenkind? Ich kann sie besitzen und damit besitze ich ihn." Er lachte schallend. Susi weinte verzweifelt. Das Lachen wurde leiser und verwandelte sich in ein dumpfes Grollen. Susi erwachte schweißgebadet. Grollend rollte der Donner des heraufgezogenen Gewitters über das Tal. Ein Blitz zuckte durch die Nacht und tauchte das Zimmer in blau-weißes Licht. Der Regen trommelte mit tausenden von Fingern an die Fensterscheibe. Susi hatte Angst. Sie zog sich die Decke über den Kopf. Früher hätte sie sich an ihren Mann gekuschelt und sich geborgen gefühlt. Aber Alex war nicht mehr der selbe. Unruhig schlafend, wie immer, lag er neben ihr. Und doch war er so fern. Am nächsten Morgen wachte sie einsam neben ihrem Mann auf. Sie fühlte sich leer und unglücklich. Das ganze Geld konnte nicht diese Kälte und Einsamkeit im Herzen vertreiben. Jedoch vermochte es abzulenken. Sie eilten wieder von einem Amüsement zum nächsten. Bald schon war der Traum vergessen. Eine sonderbare Einladung Eines Tages bekamen sie eine Einladung zu einer Diner-Party. Ungewöhnlich jedoch, dass sie am gleichen Abend stattfinden sollte. Wichtige Leute waren eingeladen. Ein Plan für die Anreise war beigefügt, sie würden dort übernachten. „Endlich mal was Interessantes!", meinte Alex. Es wurde schon langsam dunkel, als sie die breite Allee entlang stadtauswärts fuhren. Allmählich verwandelte sich die Straße in eine alte Landstraße. Merkwürdig, keine Autos kamen ihnen entgegen, keine Häuser standen am Straßenrand. Irgendwie kam Susi diese alte Straße bekannt vor, jedoch wusste sie nicht woher. „Hier war ich schon mal", sagte sie leise. Alex antwortete nicht. Er war in Gedanken versunken, grübelte über irgendwelche Geschäfte nach und welche Leute er dort wohl treffen würde. Dann kamen sie an. Im großen Saal Eine ganze Reihe luxuriöser Autos standen im Hof, große, schwere Wagen und ein paar kleine Sportflitzer. Sie parkten den Wagen und gingen die lange Marmortreppe zum Eingang empor. Sie zeigten dem alten Butler ihre Einladung, worauf dieser ihnen ihr Zimmer zuwies. Sie machten sich frisch, zogen sich für die Party um und gingen hinunter in den großen Saal. Die Gäste wirkten steif und abgestumpft, die jüngeren überdreht und abgehoben, die Frauen wirkten wie Marionetten. Den ein oder anderen hatten sie schon mal irgendwo gesehen. Alex amüsierte sich gut, hatte wichtige Gespräche über Geschäfte, die Frauen sprachen über Mode und allerlei andere Dinge. Susi langweilte sich. Gegen Mitternacht kam der Hausherr, begrüßte die Anwesenden kurz und mischte sich unter die Gäste. Susi dachte: ‚Den kenn ich. Bloß woher?'. Sie wurde langsam müde. Alex wollte noch unten bleiben. Susi ging hoch in ihr Zimmer und legte sich schlafen. Schnell und betäubend kam der Schlaf über sie. Fortsetzung folgt... Die verlorene Seele Sie träumte wieder den Traum von damals: Der Fremde im schwarzen Anzug, das Gespräch über die Seele von Alex. Dann, sein Gesicht, der Hausherr! Jetzt wusste sie, woher sie ihn kannte. „Haben, Haben, Haben!" hallte sein Gelächter in ihrem Kopf. Sie musste Alex retten. Sie zog ihre Schuhe an und ging nur mit ihrem Nachthemd bekleidet nach unten. Im großen Saal standen nur ein paar Kerzen. In der Mitte war eine Öffnung im Marmorboden. Eine Wendeltreppe führte nach unten. Sie nahm allen Mut zusammen und ging hinunter. Sie kam zu einem Tor. Eine krächzende Stimme fragte sie: „Was willst du hier?" „Ich suche eine Seele!" sagte sie mutig. „Gib mir deine goldene Kette als Wegezoll!" Ohne zu zögern gab Susi ihren Schmuck. Knarrend öffnete sich das Tor. Muffige Luft strömte ihr entgegen. Sie nahm eine Fackel von der Wand und ging weiter. Am Wegrand saß eine alte Frau, barfuß und zerlumpt. „Die Füße schmerzen mir so." klagte sie ihr Leid. Susi dachte: „Sie tut mir so leid, ich könnte ihr meine Schuhe geben. Aber wie kann ich den steinigen Weg weitergehen, ohne Schuhe?" Doch ihr Mitleid war stärker als die Angst vor dem eigenen Leiden. Als sie der geplagten Frau ihre Schuhe gab, blickte diese sie mit Tränen in den Augen an und sprach: „Nie sah ich hier ein so gütiges Herz. Du bringst das Licht sogar in die Unterwelt." Der bucklige Fährmann Immer heißer und stickiger wurde die Luft. Am Horizont loderten Flammen. Susis Füße schmerzten bei jedem Schritt. Das Mädchen kam zu einem stinkenden Gewässer. Ein buckliger Fährmann hockte in seinem Boot. Er schaute das Mädchen an: „Wo willst du denn hin?" „Ich will die Seele meines Mannes holen!" Der Fährmann lachte: „Ich kann dich übersetzen, aber gib mir dein Kleidchen zum Tausch." Susi dachte erschrocken: „Wie kann ich nackt hier weitergehen?" Schließlich überwand sie die Scham und gab es her. Susi weinte. Die gierigen Blicke des Buckligen wichen nicht von ihrem Körper, während er sie mit dem Boot ans andere Ufer ruderte. Schnell sprang das Mädchen aus dem Boot und rannte den Weg weiter hinab. Am Rad der Zeit Völlig außer Atem und fast schwindelnd vor Schmerzen in den Füßen kam Susi zu einem Scheideweg. Eine dürre Alte mit kahlem Kopf saß vor einem alten Spinnrad und spann ihr restliches Haar zu einem Faden. Als sie Susi bemerkte, hielt sie inne, hob den Blick und sprach mit dünner Stimme zu dem nackten Mädchen: „Musst wählen nun den einen Pfad, der wohl vollendet deine Tat. Doch wählst du falsch, so wirst du seh'n, der Tod ereilt dich, du musst geh'n." Susi war verzweifelt. Die Alte meinte es ernst. Einer der beiden Wege bedeutete den sicheren Tod. Die Alte sprach weiter: „Die Jugend und dein Haar musst geben, die kann ich mit der Zeit verweben. Als Lohn den Weg ich will dir weisen, sollst sicher dann zum Teufel reisen." Susi schluchzte. Sie dachte an Alex. „Auch das gebe ich!" Die Alte schnitt ihr das schöne lange Haar ab, setzte es auf die Spindel und begann den Faden der Zeit zu spinnen. Susi bemerkte die Kälte des Alters in ihren Körper kriechen. Ihre glatte Haut wurde runzelig. Sie fühlte sich schwach. „Zu deiner Rechten geh den Weg. Doch eile dich, deine Zeit wird knapp!" Susi wankte kraftlos den Weg entlang und gelangte nach wenigen Schritten an eine Treppe, die nach oben führte und an einer prunkvollen Türe endete. Mit letzter Kraft schleppte sich das Mädchen die Stufen nach oben. Ohne zu klopfen trat sie ein. Fortsetzung folgt... Die verlorene Seele Die Reise durch die Unterwelt erforderte von Susi große Opfer. Nackt, die Haare geschoren, ihrer Jugend beraubt und mit blutenden Füßen gelangte Susi ans Ziel. Nun stand sie in einem geräumigen, luxuriös eingerichteten Büro. Hinter einem großen antiken Schreibtisch saß in einem schweren Sessel der Fremde von damals. Ein paar kaum bekleidete junge Mädchen saßen neckisch auf dem Schreibtisch oder standen um ihn herum und zupften an seinem teuren Anzug. Er blickte auf und schien kaum erstaunt über ihren Aufzug: „Nun schau, die hier sind nach meinem Geschmack!" sagte er auf die Mädchen zeigend. „Aber womit kann ich dir behilflich sein?" Die gespielte Höflichkeit und das kalte Lächeln vermochten es nicht, Susi zu täuschen. „Die Seele meines Mannes!" sagte Susi mutig. „Gib sie zurück!" „Aber er hat ein Geschäft mit mir gemacht. Er wusste nicht einmal, was das ist, die Seele. Ich habe sie ihm abgekauft, für viel Geld. Warum glaubst du, sollte ich ihm seine Seele zurückgeben?" „Weil ich ihn liebe, mehr als mein Leben!" flüsterte Susi und Tränen rannen ihr das Gesicht hinab. Das Licht im Dunkel „Liebe!" höhnte der Teufel. „Was ist Liebe? Der Teufel kennt die Liebe nicht. Der Teufel kennt nur Geld, Macht, Habgier, Eigennutz, Egoismus. Was ist Liebe, sage es mir!" Susi's Augen begannen zu leuchten, als sie anfing zu sprechen: „Sie ist mehr als nur ein Gefühl. Wahre Liebe ist selbstlos und aufrichtig, gütig und vergebend. Sie ist wie ein warmes Licht in einer dunklen eisigen Nacht. Und je mehr man davon gibt, um so heller scheint es." Als sie dies sprach verlor die Illusion ihre Wirkung: Das Büro verwandelte sich in eine dunkle Höhle, die vom Schein vieler kleiner Feuer erhellt wurde. Der Fremde saß, in einen langen roten Mantel gehüllt auf einem steinernen Thron. Die halbnackten Mädchen rannten schreiend davon. Susi stand immer noch ruhig da. Sie fühlte eine wohlige Wärme vom Herzen her ihren Körper erfüllend nach außen strahlen. Der Teufel wandte sich geblendet ab und schrie: „Nun gut, ich gebe ihn frei! Er hat seine Seele zur Stunde zurück. Verschwindet nun, du und deine Liebe!"
Als Susi im Gästezimmer der alten Villa erwachte war es bereits Morgen. Sie fühlte sich kraftvoll und glücklich. Neben ihr lag Alex. Er schlief ruhig. Sie stand auf und ihr schönes langes Haar glitzerte in der Morgensonne. ‚Merkwürdig!' dachte Susi. ‚War alles nur ein Traum?' Alex erwachte, ging zu ihr und umarmte seine Frau. „Wie lange habe ich geschlafen? Es kam mir endlos vor!" flüsterte er Susi ins Ohr. „Komm, lass uns gehen." hauchte sie ihm zu. Schnell zogen sie sich an und eilten die Treppe hinab, an deren Ende sie dem Hausherr in die Arme liefen. „Wohin so eilig?" fragte er mit unterdrücktem Groll. „Nach Hause!" rief Susi ihm im vorbeieilen zu. „Dann geht doch!" hörte sie noch, bevor die Türe zuschlug. Tief sog sie die Luft in ihre Lungen und reckte die Arme nach oben. Was für ein wunderschöner Morgen. Einen Moment schien es ihr, als hätte sie ein Lächeln in der weißen Wolke da oben gesehen. Ein sanfter Windhauch streifte ihr Gesicht. Sie stiegen ins Auto und fuhren los. Zu Hause wartete schon der Vermögensverwalter auf sie. Mit ängstlichem Blick stammelte er: „Verloren, alles verloren. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte, aber alles ist verloren. Sie haben nichts mehr." Dann rannte er davon. Alex und Susi schauten sich an und begannen zu lachen. So erleichtert und glücklich hatten sie sich lange nicht mehr gefühlt. Sie zogen wieder in ihre ärmliche Hütte. Sie arbeiteten fleißig, blieben bescheiden und lebten glücklich, na ihr wisst schon, bis an ihr Lebensende. zurück zu „weitere Publikationen oder |